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Kufiyas in Buchenwald

Seit geraumer Zeit beobachten wir, wie die Gedenkstätte Buchenwald, ein ehemaliges Konzentrationslager des deutschen Faschismus, zunehmend zu einem Ort des Geschichtsrevisionismus und der Genozidleugnung wird.

Statt die Verfolgten zu ehren und jedem Völkermord entschlossen entgegenzutreten, verbreitet die Gedenkstätte israelische Propaganda und liefert die ideologische Munition für den andauernden Genozid in Palästina.             

Repression statt Erinnerung: konkrete Vorfälle in Buchenwald

Die staatlich finanzierte Gedenkstätte ist Teil der massiv verschärften Repression gegen jegliche Palästinasolidarität.

Verbot palästinensischer Symbole:
Kufiya, Olivenzweig, Wassermelone – Zeichen palästinensischer Identität und Solidarität – werden pauschal kriminalisiert und verboten. Das legt die Gedenkstätte in ihrer im Juli 2025 an die Öffentlichkeit gelangten Handreichung dar.[1] Selbst die Forderung nach einem Waffenstillstand („ceasefire”) wird als Teil einer vermeintlich „antijüdischen Mobilisierung” dargestellt und kriminalisiert – obwohl die Befreiung von Buchenwald so eng mit dem Wunsch nach einem Ende von Krieg und Völkermord verbunden ist.

Die Kufiya wird von der Gedenkstättenleitung zynischerweise in einen Zusammenhang mit dem deutschen Faschismus und Antisemitismus gestellt und relativiert damit die deutsche Verantwortung für den Völkermord an europäischen Jüd:innen, indem diese den Palästinenser:innen zugeschoben wird.

Hausverbote aufgrund von Palästinasolidarität und Kufiya werden verhängt, so etwa im April 2025. Die konstruierten Gleichsetzungen von Palästinasolidarität und Antisemitismus bekräftigte die Gedenkstätte auch im gerichtlichen Eilverfahren gegen die Verbote.[2] 

Ausladung und Redeverbote:
Zur Gedenkfeier des 80. Jahrestags der Befreiung Buchenwalds im April 2025 wurde der jüdische Philosoph Omri Böhm auf Druck der israelischen Botschaft ausgeladen, da dieser den Genozid in Gaza und den Zionismus[3]  kritisiert hatte. Als eine spanische Vertreterin einer Jugenddelegation in ihrer Rede ein Ende des Genozids forderte, wurde sie öffentlich vom Direktor der Gedenkstättenstiftung, Jens-Christian Wagner, zurückgewiesen – solche Aussagen „gehören sich nicht“ in Buchenwald.

Im Gegensatz zu Verlautbarungen allgemeiner Flaggenverbote und dem vermeintlichen Wunsch nach einem „unpolitischen“ Gedenken, bezieht sich die Gedenkstättenleitung gerne auf Themen, die zur deutschen Außenpolitik und „Staatsräson” passen und lässt dementsprechend bestimmte Flaggen und Symbole zu, insbesondere die israelische Flagge.

Instrumentalisierung des Gedenkens

All diese Maßnahmen haben eine Stoßrichtung: Deutschlands erneute Beteiligung an einem Völkermord ideologisch zu rechtfertigen – und das an einem Ort, an dem vor 81 Jahren noch Völkermord begangen wurde. Dafür wird die internationalistische und antifaschistische Geschichte des Lagerwiderstands zunehmend verleugnet und nichtjüdische Opfergruppen ausgeblendet, während Jüd:innen politisch instrumentalisiert und zu einem Sonderfall gemacht werden: als Legitimation für den fortgesetzten Genozid in Palästina, verbunden mit der falschen Unterstellung einer zionistischen Haltung von Jüd:innen im Allgemeinen.

Verrat am Schwur von Buchenwald

Damit wird das Erbe derjenigen verraten, die in Buchenwald inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden. In Buchenwald waren nicht nur Jüd:innen, sondern auch Sinti:zze und Rom:nja, queere Menschen, Kommunist:innen und internationale Antifaschist:innen eingesperrt. Viele gehörten mehreren Gruppen an, viele von ihnen Sowjetbürger:innen. Die Menschen im Lager organisierten Widerstand und dieser befreite das Lager noch vor der Ankunft der ausländischen Truppen und konnte es damit vor der sicheren Vernichtung durch die Faschisten retten. Die Überlebenden formulierten im Schwur von Buchenwald den Anspruch, den Faschismus mit seinen Wurzeln zu vernichten und „eine Welt des Friedens und der Freiheit“ aufzubauen. Viele von ihnen blieben ihr ganzes Leben in diesem Sinne aktiv. 

Die Leugnung des Völkermords in Palästina und ideologische Unterstützung der deutschen Kriegsmaschine, die den Völkermord finanziert, verrät den Schwur von Buchenwald. Antifaschismus ist untrennbar mit Internationalismus verbunden. Ein Gedenken, das heutigen Völkermord relativiert oder Kritik daran unterdrückt, widerspricht diesem Anspruch fundamental.

Wer wir sind und was wir fordern

Wir sind eine Initiative von Einzelpersonen und Gruppen, die aus verschiedenen Perspektiven auf Buchenwald blicken. Als Jüd:innen, Queers, Antifaschist:innen, die seit Jahren und Jahrzehnten aktiv an das antifaschistische Erbe von Buchenwald erinnern, eint uns die Entschlossenheit, uns diesen Ort der lebendigen Erinnerung nicht nehmen lassen. Mit der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ stellen wir uns gegen die Instrumentalisierung und Geschichtsvergessenheit des Gedenkens.

Was wir von der Leitung der Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora fordern, ist das Mindeste, um dem Erbe Buchenwalds gerecht zu werden:

  1. Eine offene Thematisierung des Völkermords in Gaza in der Gedenkstätte Buchenwald.
  2. Kein Verbot palästinensischer Symbole in der Gedenkstätte Buchenwald und keine Verunglimpfung dieser als antisemitisch.
  3. Keine Haus- und Sprechverbote wegen Palästina-Solidarität oder Kritik am Apartheidstaat Israel.

Buchenwald mahnt – nicht zur Loyalität gegenüber Deutschland und Israel, sondern zu Antifaschismus und Internationalismus, zum Widerstand gegen Völkermord und Unterdrückung, wo immer sie stattfinden:

„Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“

– Schwur der Überlebenden Buchenwalds 1945


[1] https://archive.org/details/handreichung-buchenwald; https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192452.israel-und-gaza-waffenstillstandsforderung-soll-antisemitisch-sein.html

[2] https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/3eo36225-thueringer-ovg-bestaetigt-verbot-von-pali-tuch-kufiya-israel-kritik

[3] Die ethnonationalistische Ideologie und politische Bewegung zur Gründung eines rein jüdischen Staats (in Palästina).